Stunde um Stunde immer dieselben
Handgriffe, das Geratter von
vielen Nähmaschinen im Raum, stickige,
schwül-warme Luft, schummeriges Licht. Zumeist ist
Li Ch. schon nach der Hälfte ihrer Schicht völlig geschafft.
Die 18-jährige Teenagerin aus der Provinz
Guizou schuftet schon seit zwei Jahren in einer Lohnnäherei
in der Sonderwirtschaftszone von Shenzen.
Und immer, wenn schwere Limousinen mit Hongkonger
Kennzeichen auf dem Hof stehen, so weiß sie inzwischen, wird der Druck noch größer. Dann werden
häufig die Stückzahlen heraufgesetzt und Sonntagsarbeit
steht an. Die Europäer brauchen neue
Jeans, heißt es dann manchmal scherzhaft unter den
Kolleginnen.
Als sich Li vor zwei Jahren
aus ihrem kleinen Heimatdorf auf
den Weg in die Großstadt machte, hatte sie
all die Erzählungen vom schönen Leben in der Stadt
im Sinn, von all dem Geld, das man dort verdienen
könne. Heute hat sie keine Illusionen mehr. Der
Monatslohn von rund ATS 400,- reicht gerade für eine
Schlafstelle in einem Acht-Bett-Zimmer, für Essen
und Trinken, manchmal für einen Kinoabend.
aus:
Feministische Horizonte. Frauenarbeit in der Textilindustire
- ein Nord-Süd-Vergleich, Dossier Frauensolidarität, 1997